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"Auch das Ende des Lebens ist Lebensqualität"

von links: Franz Müntefering, Prof. Peter Schallenberg, Klaus Reckinger, Moderatorin Alexandra Peiper, Dr. Volker Berg, Ingrid Overbeck, Prof. Jens Bormann

Jeder verfügbare Stuhl war besetzt im Ratinger Museum am heutigen Mittwochabend, einige Besucher begnügten sich sogar mit Stehplätzen. So hoch war das Interesse an der Veranstaltung mit dem Titel „Was hat uns die Sterbehilfedebatte gebracht“, zu der das Sankt Marien Krankenhaus eingeladen hatte.

Zu Beginn führte der Chefarzt für Innere Medizin am Sankt Marien Krankenhaus, Dr. Markus Freistühler, in die Grundlagen der Thematik ein und stellte sowohl die Herausforderung für die Mediziner und Pflegenden, als auch die grundsätzliche Frage dar, um die es für jeden Einzelnen geht: „Sind wir bereit zu akzeptieren, dass wir in gewissen Lebensphasen zwingend auf andere angewiesen sind?“.

Auf diese Frage ging auch der ehemalige Vizekanzler Deutschlands, Franz Müntefering, im Rahmen der Podiumsdiskussion sehr dezidiert ein. „Auf Andere angewiesen zu sein, darf nicht als Argument für die aktive Sterbehilfe oder eine Unterstützung beim Suizid gelten“, so Müntefering klarstellend. Vielmehr müsse Politik und Gesellschaft die hospizliche und palliative Begleitung kontinuierlich und flächendeckend verbessern. Mit der Anzahl der Sterbefälle sowie mit der Zunahme an hochbetagten und dementen Patienten sei diese Aufgabe wachsend und es müsse hier insbesondere die Pflege gestärkt werden.

Dem pflichtete der kath. Moraltheologe von der Uni Paderborn, Prof. Peter Schallenberg, aus kirchlicher Sicht bei: „Den Kirchen ist es wichtig, unverrückbar am christlichen Menschenbild festzuhalten, da jedem Menschen zu jedem Zeitpunkt Würde zusteht“. Dies sei eine gesamt-gesellschaftliche Aufgabe und eine Aufgabe für jeden Christenmenschen, die entsprechende Unterstützung und Begleitung zu geben, wenn die Kräfte schwinden, um damit den Betroffenen zu vermitteln „Du bist wichtig.“

Der erfahrene Palliativmediziner Klaus Reckinger aus Recklinghausen brachte einen weiteren Aspekt in die Diskussion, der zunächst überraschte, jedoch insbesondere bei Franz Müntefering hohe Zustimmung erfuhr. Er berichtete von seinen Erfahrungen mit palliativ versorgten Patienten, die den Sterbeprozess als Bereicherung und Abrundung ihres Lebens empfunden haben. Müntefering fasste seine persönlichen Erfahrungen in der Formulierung zusammen: „Auch das Ende des Lebens ist Lebensqualität“.

Mit Blick auf die juristischen Aspekte brachte der Ratinger Notar Jens Bormann, seines Zeichens Präsident der Bundesnotarkammer, ein für viele wichtiges Thema zur Sprache: Die große Bedeutung von Patientenverfügungen. Dabei vertrat er die Position, dass diese nach der letzten Rechtsprechung keineswegs alle nun erneuert werden müssten. Viel wichtiger sei, dass ein Bevollmächtigter oder Betreuer ernannt sei, der mit dem Behandlungsteam in Kommunikation treten könne. Dann seien auch die bislang erstellten Patientenverfügungen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle hilfreich und ausreichend.

Der konkrete Blick auf die Ratinger Strukturen bei der palliativen Versorgung viel im Rahmen der Podiumsdiskussion sehr gut aus. So berichtete die neue Vorsitzende der Hospizbewegung Ratingen, Ingrid Overbeck, dass aktuell etwa 70 ehrenamtliche Helfer an der palliativen Betreuung mitwirken. Besonders erfreulich sei dabei, dass die Zahl der Mitwirkenden kontinuierlich steige, wenngleich „in Zukunft durch die gesellschaftliche Demografie weitere Mitstreiter gebraucht werden“, so Overbeck mit Blick in die Zukunft.

Neben den medizinischen, pflegerischen und ethischen Argumenten war dem Ratinger Hausarzt und Palliativmediziner Dr. Volker Berg ein Faktor besonders wichtig: „Insbesondere in der ambulanten palliativen Betreuung bemerken wir ein sehr großes Problem – die Einsamkeit vieler Patienten“. Hier gelte es als Gesellschaft der steigenden Vereinsamung im Alter entgegenzutreten.